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Von Schwarzen Löchern und Punkten


lle meine bitteren verDichtungen handeln von Auflehnung, irgendeiner Auflehnung gegen irgendetwas, angefangen von der Auflehnung gegen die Sinnlosigkeit der Auflehnung, die Auflehnung gegen die eigenen Beschränkungen oder die der Anderen, die Auflehnung gegen all die unzuverlässigen und mithin unbrauchbaren Gottheiten, die es in den Religionen der Menschheit zu mitunter trauriger Berühmtheit gebracht haben – bis hin schließlich zur Auflehnung gegen das Unabänderliche aller Verluste.

Viele der Verse sind daher auch Selbstgespräche, Analyseversuche, bei denen allerdings nicht einfach so erzählt, sondern unter Zuhilfenahme der „gebundenen Sprache“ das Abenteuer unternommen wird, der „ganzen“ Wahrheit auf die Spur zu kommen, der ganz persönlichen und auch den sogenannten „großen“ Wahrheiten.

Durchaus seltsam mutet es mich an, dass ich immer noch daran „glaube“ – darauf „hoffe“ trifft es besser –, dass mir beim Schreiben etwas ganz Ungewöhnliches begegnen kann, beim Verseschmieden eine Art „Zauberwort“ oder ein „Zauberspruch“ entsteht, mit deren Hilfe ich alle Fragen beantworten, das Wetter ändern oder Kranke heilen kann – oder eben töten. Und dieser „Aberglaube“ beinhaltet wie alle Glaubenssysteme natürlich die Forderung, dass eine Leistung erbracht werden muss, bevor sich das Tor zur Seligkeit öffnet. In meinem Fall ist es eine Art innerer Stimme, die mir sagt, dass ich noch Hunderte von Versen machen muss, um die Zauberworte zu finden, jedenfalls so viele, bis ich den ganzen Abraum und Abfall weggeschrieben habe, unter denen „MEINE“ verDichtung noch verborgen liegt.

Deshalb finden sich bei mir auch so selten sogenannte „schöne“ oder „positive“ Themen. Was gut tut wird nicht so intensiv empfunden, schöne Ereignisse oder Dinge werden fast immer genossen und danach zumeist einfach wieder vergessen. Da kann man noch so lange der Meinung sein, dass das nicht in Ordnung ist – es ist eben so. Anders liegt der Fall bei den Sachen mit dem bösen Erwachen; das Negative klingt und lebt fort, bleibt im Gedächntnis sogar meist dann noch fest verankert, wenn die Erinnerung gescheut und bewusst gemieden wird.

Siggi, meine Erste Leserin mit dem wohlwollend-kritischen Scharfblick, redet mir ins Gewissen, sagt, dass einer, der ein Talent hat, auch die Verpflichtung habe, es so zu gebrauchen, dass seine Erzeugnisse trösten, Mut machen, gut tun.

Aber ich bin nunmal kein Auftragsschreiber - auch dann nicht, wenn der Auftrag von mir oder meiner Frau kommt und vielleicht eine gute Sache ist.

Was heißt hier "ich bin"? Ich kann es nicht sein.

Ich erwiderte Siggi deshalb, dass ich keinerlei Verpflichtungen habe, außer der einen, die Dinge so aufzuschreiben wie sie in meiner Wahrnehmung beschaffen sind, also realistisch, so genau es geht und mit aller mir möglichen Aufrichtigkeit. Und was den Trost betrifft, sei ich der Meinung, dass es auch trösten kann, wenn die Lektüre dazu führt, dass die Leserinnen feststellen, dass sie mit ihren Enttäuschungen, Existenzängsten und den vielgestaltigen Schmerzen nicht allein sind, dass da einer hinreichend genau aufgeschrieben hat, was auch sie erlebt haben oder immer noch oder wieder erleben, wofür sie bislang vielleicht keine oder nicht die richtigen Worte hatten.

Dafür steht mir eine nur sehr begrenzte Auswahl an Stilmitteln zur Verfügung:
Realistisch zu sein auf jeden Fall, aber mitunter auch satirische oder ironische Wendungen, oft Zynismus, auch der Humor (zumindest der Schwarze) gehört dazu – vor allem aber das „Schrei(b)en“. Dagegen kann ich mit dem Lustigen oder Komödiantischen, der Clownerie, nur selten etwas anfangen. Hinzukommt, dass es ganz sicher mehr als genug „Spaßmacher“ gibt, aber viel zu wenige „Ernstmacher“ - und wenn diese Letzteren auftreten, dann sind es leider nur allzuoft die Falschen, nämlich diejenigen, die auch die Schmerzen- und Totmacher sind.

Über die Ungereimtheiten des Lebens zu lachen, ist nur all jenen möglich, denen dieses Ungereimte noch nicht richtig weh getan hat (siehe zum Beispiel im polarlicht [19]). Aber all jenen, denen das Lachen längst vergangen ist, bleibt nichts anderes übrig, als durch die Schwerkraft des Schicksals dicht und dichter und schließlich bis zum SchwarzenLoch verDichtet dieses Universum zu verlassen.

Auf diesem Weg befinde ich mich, seit ich mit dem Denken angefangen habe. Eine Übertreibung? Eher das Gegenteil. Eigentlich ist es der übliche Werdegang: Anfangs noch fast unmerklich, aber von Jahr zu Jahr spürbarer, wird der Druck größer. Jeder erlebt das, aber nicht jeder wird sich dessen auch bewusst. Das war und ist bei mir wohl anders. Schon in den frühen Jahren war da diese Schwere, eine ständige Last, die auf mich von allen Seiten einwirkte und der ich mich nur ab und zu, aber nie vollständig entledigen konnte. Und dieser verDichtungsvorgang verzögert sich allenfalls durch die Unterbrechungen, die der Alltag mit seinen Problemen, aber auch seinen Belanglosigkeiten liefert.

Unter großem Druck entstehen Diamanten, wenn das Ausgangsmaterial das chemische Zeichen „C“ hat. Bei mir ist zuviel „H“, „O“ oder auch „N“ und noch etliches Zeugs mehr vorhanden, und der Druck ist größer, deshalb steht mir wohl eine Singularität oder die wunderbare Tragik eines Schwarzen Loches bevor. Vielleicht muss ich deshalb schrei(b)en, kann nicht anders: Ich verDichte, weil ich selbst immer dichter werde.¹

Bleibt die Frage, ob auch bei der sprachlichen Umsetzung und Darstellung am Ende eine solche Singularität (ent)stehen müsste, wenn ich dicht genug geworden bin. Das würde dann wohl auf einen Text, eine verDichtung, ohne einen einzigen Buchstaben hinauslaufen. Ein Punkt wäre alles, was übrigbleiben dürfte – siehe diese konkret-poetische Text-Grafik, auch wenn in diesem Ausflug in die Konkrete Poesie eine für einen "echten" Punkt eigentlich korrekte inhaltliche und räumliche Ausdehnung von mir nicht zugestanden oder zugelassen wurde. Wie auch?
Nun, so wie in dieser Grafik wird die „Totale verDichtung“² sicher nicht aussehen. Am Ende wird es ganz still sein; dann herrscht das Schweigen und damit die ohnehin „schwerste“ aller Aussagen, die zugleich die kleinste Ausdehnung hat – nämlich gar keine mehr.

Punkt. Oder auch Punktum.


¹Ich weiß: Es ist durchaus reizvoll, an dieser Stelle „oder schon längst nicht mehr ganz dicht bin“ zu ergänzen. Also bitte, tun Sie sich keinen Zwang an…

² Das ist eine nicht gewollte, aber aus unerfindlichen Gründen so entstandene Nähe zu einem Begriff, der aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ stammt. Das weiß ich natürlich, aber meinem alten Grundsatz folgend, dass es keine „verbotenen Wörter“ geben darf, lass ich es so stehen. Die „Totale Vernichtung“ ist bei mir nur für ganz wenige Erscheinungen opportun, zum Beispiel für die Dummheit oder jede Form der Bosheit, auch wenn mit der ersten selbst Götter vergebens kämpfen. Naja, Götter eben – die sind ja fast immer selbst so blöde wie ihre Schöpfer, die Menschen.

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