[<<] 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ... [>>]  

[ Sie befinden sich in der Rubrik: Tagebuch ]








Titel |
Inhalt |

Vorworte |
Dämonisches |
Tagebuch |


verDichtungen |

Fips & Fratz |
Quellennachweise |

Spenden |


Der doppelte Nutzen
beim Zähneputzen


ass mir so oft beim Zähneputzen oder unter der Dusche die "richtigen" (die mir wichtigen) Gedanken kommen, müsste auch mal von irgendeiner Expertin der Seelenkunde oder Sozialwissenschaft erforscht werden. Wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass das Hirn in diesen Momenten keine wirkliche Aufgabe hat und machen kann, was es will, weil das „Körpergedächtnis“ ausreicht. Na egal, eben war es jedenfalls wieder soweit (beim Zähneputzen), dass mir plötzlich klar wurde, wie sich die Forderung (zum Beispiel meiner Frau) nach „schönen Gedichten“ erklären lässt.

Auch hier bietet sich wieder ein Vergleich mit der Musik an: Menschen mögen nunmal gefällige (hübsche, schöne, leichte, harmonische) Dinge deutlich mehr als misshellige (zerrissene, hässliche, schwere, disharmonische). Von einem „Gedicht“ wird schlicht erwartet, dass es ein „Gedicht“ ist, das Wort muss hier natürlich in seiner übertragenen Bedeutung verstanden werden. Wer das Radio einschaltet, will in aller Regel Unterhaltungsmusik hören, kein Zwölf-Ton-Gekrächze und auch keine Kirchenlieder, die fast alle so schwer und traurig klingen, dass der Gekreuzigte selbst den Tränen nahe wäre.

Und noch ein zweiter Aspekt rieselte mir (beim Mundausspülen) durch den Kopf: Bei meinen verDichtungen geht es mir (fast) immer darum, das Gefällige nicht einfach aufzugeben, sondern mit dem Misshelligen zu vereinen, eigentlich sogar das Misshellige durch den Mantel des Gefälligen noch deutlicher oder drastischer wirken zu lassen, das Hässliche oder Grausame zu benennen, aber in einer als schön geltenden Form zu „verkleiden“. Das geht nur, wenn der Inhalt einerseits so klar und rücksichtslos „geschrie(b)en“ wird, dass jeder Zweifel ausgeschlossen ist und wenn andererseits die Form selbst immer wieder Schrammen aufweist, so dass erkennbar bleibt, dass sie nur Verkleidung ist.
Knallharte Kontraste, die jeden möglicherweise entstehenden Singsang aufplatzen lassen wie eine Eiterbeule oder zumindest zu spürbaren Brüchen führen.

Sozusagen eine Art Coitus interruptus als lyrisches Stilmittel…

[<<] 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 ... [>>]


[ © 1953 - 2033, Reinhard J. Lenz-Stiewert, All rights reserved. ]
Impressum