1 2 3 4 5 6 [>>]  

[ Sie befinden sich in der Rubrik: Vorworte ]








Titel |
Inhalt |

Vorworte |
Dämonisches |
Tagebuch |


verDichtungen |

Fips & Fratz |
Quellennachweise |

Spenden |


Bevor es losgeht, muss ich einige...

...VORBEMERKUNGEN...


...loswerden, die bei der Lektüre von „verDichten“ allervermutlichst hilfreich sein werden.

arum für VERSEDICHTEN der Untertitel "TollwutTestament" gewählt wurde, erklärt zumindest teilweise diese verDichtung, die nach dem Einleitungstext als erste in der Rubrik "verDichtungen" zu finden ist. "Prosaisch" kann an dieser Stelle ergänzt werden, dass auf diesem WebSite bissige Bilanzen, unfreundliche Urteile, gnadenlose Gemeinheiten, aber auch etliche Wehklagen versammelt sind, die einem oft am Leben toll gewordenen Geist entsprungen sind - laute, heftige Worte, Schlangengift für die Seele.

Hier geht es nicht sanft und säuselnd zu, hier wird nach Worten gesucht, die mindestens ebenso schmerzhaft sind wie die Zustände, Situationen und Erfahrungen desjenigen, der sich irgendwann aufgemacht hat, das "Schrei(b)en" zu lernen.

Ist es nicht ein beachtenswerter Zufall, dass sich das "Schreien" vom "Schreiben" - zumindest in der deutschen Sprache - nur durch einen Buchstaben unterscheidet. Ein eklatanter Mangel der "handelsüblichen" Verskunst (dazu gibt es noch ausführlichere Betrachtungen in der Rubrik "Lyrikologie") hat dazu geführt, dass mir die Ähnlichkeit dieser beiden Wörter vor längerer Zeit gefiel, weil ich eine Lücke der Lyrik ausgemacht hatte, für die ich nach wie vor keine Erklärung habe:

Es gibt sehr viele leise Gedichte;
das Schrei(b)en ist in der Lyrik weitgehend verpönt.

Selbst wenn die Inhalte einiger Verse klagend oder anklagend, bitter oder verzweifelt sind, klingen sie doch fast durchgängig wie auf leisen Sohlen, vorsichtig, eher flüsternd und zurückhaltend. Der Expressionist Georg Heym ist in der deutschsprachigen Lyrik dafür ein recht eindrückliches Beispiel. In seiner verDichtung "Der Gott der Stadt" wird das wüste Treiben dieses "Gottes" unter anderem bildungs-schuldig und damit hübsch gefällig als "Korybanten-Tanz" beschrieben, obschon "Wut" und "Fleischerfaust" nach einer viel düsteren und direkteren Wortwahl verlangen als mit "Musik" der "Millionen", die "durch die Straßen" dröhnt, ausgedrückt werden könnte.

Bedauerlicherweise gibt es zu genau diesem Sachverhalt keine literaturwissenschafliche Untersuchung - ich habe jedenfalls noch keine gefunden -, so dass anhand von Beispielen genauer gezeigt werden könnte, wie es um das "Schrei(b)en" der Poetinnen bestellt ist. Aber es wundert mich auch nicht. Der Tonfall und die "Lautstärke" sind im Land der Lyrikerinnen offenbar keine Themen.

Auf VERSEDICHTEN werden "Schreien" und "Schreiben" zusammengeführt, wird veranschaulicht, dass sich beide Tätigkeiten ergänzen können und eigentlich sogar müssen, weil die eine die andere vervollständigt. Ein - für mich auch programmatisch wichtiges - Beispiel dafür ist die oben verlinkte verDichtung.

er mit meinen Ausführungen und/oder verDichtungen oder auch mit Versen, Reimen und Gedichten grundsätzlich nichts anzufangen weiß, kommt möglicherweise nichtmal bis zu dieser Zeile. Das ist dann eben so. Dass es so anstrengend und kompliziert ist, dieses Feld angemessen zu beackern, ist fast nebensächlich, weil ein anderer Aspekt noch wichtiger ist, so wichtig, dass ich ihn gleich hier am Anfang benennen will:

Ich habe lange nicht gewusst, dass ich beim Beschriften dieser Seiten an einen Punkt gelangen würde, an dem ich einen sehrsehrsehrgroßen Teil der zeitgenössischen Lyrik als – vorsichtig ausgedrückt – misslungen, völlig unverständlich, unnötig, langweilig, nichtssagend und/oder einfach dämlich bezeichnen muss.

Das ist hart, ich weiß, es ist aber besonders hart für den, der eine solch harsche Kritik äußert, weil es ja nicht einfach so dahingepfeffert werden kann, sondern natürlich erklärt und begründet gehört. Und es ist auch deshalb hart, weil es viel Mut erfordert. Bei etlichen Passagen, die hier zu lesen sind, habe ich mein verDichter-Herz in beide Händen nehmen müssen – gebubbert hat es trotzdem oft und heftig.

amit sofort und unmissverständlich klar wird, was ich damit meine, sei hier eine sprachliche Klarstellung angeboten: Die Produkte der Poeten werden allgemein als Gedichte bezeichnet, mitunter auch als Verse, als Lieder, Oden oder Gesänge. Damit nun die Unterscheidung zwischen den Versen, die ich hier heftig kritisiere, und den Versen, die ich für gelungen halte, bei der Lektüre leichter fällt, gelten in diesem (elektronischen) Buch diese Bezeichnungen - wenn ich beim Schreiben an diese Unterscheidungen gedacht habe:

  • verDichtungen – sind vor allem meine eigenen Produkte – mitunter auch die Werke anderer, die ich als herausragende Beispiele für gelungene Lyrik hier aufführe
  • Gedichte oder Lyrik – sind alle poetischen Werke in „gebundener Sprache“ meiner Zunftgenossen, und dann gibt es noch die Wortschöpfung
  • Lührigg – worunter ich eben diese große Menge zeitgenössischer „Verse“ zusammenfasse, die ich der Gattung „Lyrik“ nicht zurechnen (eigentlich ist „zumuten“ treffender) mag. Hierzu gibt es tiefgründige, aber vor allem sehr eindeutige Betrachtungen des polnischen Literatur-Nobelpreis-Trägers Czesław Miłosz in seiner Sammlung von Vorlesungen "Das Zeugnis der Poesie" (Carl Hanser, 1984, ISBN 3-446-13949-4), auf die ich in meiner Lyrikologie ausführlich eingehe.

    nd um noch ein wenig mehr Verwirrung zu stiften, sei darauf hingewiesen, dass VERSEDICHTEN kein Buch ist, sondern eine Zeitung, obwohl es keine Zeitung ist, sondern natürlich ein Buch, weil es sich wie ein Buch präsentiert, doch im Grunde ist es nur ein Gedichtband oder eigentlich insgesamt eine verDichtung - wenn auch eine recht lange - oder doch eher ein Essay, das hochnäsig alle naslang zum Sach- und Lehrbuch wird, welches eigentlich eine Dokumentation sein will, die sich wiederum zum Teil als Tagebuch getarnt hat, in dem ein Testament versteckt ist, bei dem ein Selbstgespräch geführt wird, um das herum sich ein Brief windet, der wie eine Illustrierte aussieht, die sich ihren Möglichkeiten entsprechend aufgeplustert hat, auch immer wieder WorldWideWeb oder Internet zu sein.

    Warum es so ist wie es ist, und was es nun wirklich ist, kann nur verstehen und entscheiden, wer es gelesen hat. Das kann relativ gefahrlos geschehen, weil es sich um eine kostenlose Publikation handelt, für die hier um völlig freiwillige Spenden gebeten wird, wobei es sogar noch eine GeldZurückGarantie gibt, durch die niemand ein allzu großes finanzielles Risiko eingeht, wenn nach einer Spende und während der Lektüre die Entscheidung fallen sollte, dass es weder ein Buch, noch eine Zeitung oder irgendetwas in dieser Art ist, sondern nur eine Zumutung. Ob es eine Zumutung ist, erfährt nur, wer es sich zumutet. Und dieses Wort ist mit Bedacht gewählt, denn die Lektüre erfordert Mut, doch die Gefahr besteht nicht in einem finanziellen Risiko, sondern darin, den Verstand zu verlieren.

    Zum Trost sei erwähnt, dass auch das Schreiben Mut „gekostet“ hat, denn es gehört recht viel Mut dazu, ganz allein auf sich gestellt einer großen Anzahl von Mitmenschen mitzuteilen, dass ihr Treiben nichts taugt. Aber vielleicht ist dieses Brief-Illustrierten-Internet-Buch-Zeitungs-Essay-Gedicht-Selbstgespräch allein darum ein paar Euro wert...

    ass ich hier den Vorgang des verDichtens beschreibe, indem ich Verse „schmiede“ und über alle meine Gedanken und Gefühle bei diesem „verDichten“ – so ausführlich und offen es (sprachlich und dokumentarisch) möglich ist – berichte, ist einigermaßen einfach zu verstehen. Aber das allein macht dieses Buch (Ich lasse es jetzt mal bei dieser Bezeichnung.) nicht aus. Schon über Lyrik selbst gibt es eine Menge zu sagen und anzumerken, was getrennt von dem eigentlichen Vorgang des „Verseschmiedens“ erwähnt werden muss, und auch andere Themenkreise haben eine so große Bedeutung, dass sie in gesonderten, im Zusammenhang sinnvollen, Abschnitten behandelt werden müssen. Auch die Struktur dieses Buches ist etwas sonderbar, aber nach einigem Hin&HerBlättern wird sich dieses System „allervermutlichst“ (eines meiner Lieblingswörter) erschließen.

    Allein die „Planung“ von VERSEDICHTEN hat ein paar Jahre gedauert, weil ich angesichts der Fülle des Materials immer wieder experimentieren musste und erst nach etlichen gescheiterten Versuchen zu dem gefunden habe, was es jetzt ist. Eine der Herausforderungen bestand darin, dass viele Gesichtspunkte und Gedanken nicht einfach so hintereinanderweg erzählt werden können, sondern durch das ganze Buch verstreut immer wieder in anderen Zusammenhängen aufgegriffen und aus anderen Perspektiven beleuchtet werden müssen und sich zudem noch zu widersprechen scheinen oder doppeltgemoppelt sind und somit ein verwirrendes Gestrüpp bilden, das sich der eigentlich doch so ordnungsliebenden Hand des verDichters immer wieder heftig widersetzt. Aber das liegt in der Natur der Sache, und ich kann es nicht ändern. Doch ich bin sicher, dass sich vieles bei der Lektüre wieder entwirren und sich ganz zum Schluss sogar zu einem klaren – und gleichzeitig auch trüben – Gesamtbild fügen wird.

    Einige der Kapitel oder Abschnitte könnten ebenso gut hier in diesen Vorbemerkungen stehen, weil sie wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung herausgehoben gehörten, aber sie stehen jetzt irgendwo im Gestrüpp – wie Steinpilze und Pfifferlinge, die gesucht und gefunden werden wollen – und gewinnen vielleicht gerade deshalb noch an Wert. Das Wort „Gestrüpp“ ist von mir nicht als Abwertung gedacht; es gibt – trotz längeren Suchens – kein anderes, das treffender wäre und zugleich positiver konnotiert: Knäuel, Dschungel, Dickicht, Wirrwarr? Unterholz? Gewirre? Vielleicht Heuhaufen? Ach, nein. Ich lasse es beim Gestrüpp.

    Und um auch das gleich vorweg zu sagen: Es handelt sich bei VERSEDICHTEN zwar auch um ein Lehrbuch der Lyrik, aber es ist in einer Sprache geschrieben, die sich mit den elaborierten Codes wissenschaftlicher Aufsätze weder messen kann, noch muss und schon gar nicht will. Ich habe fast durchgängig einen lockeren Plauderton gewählt, weil für dieses Buch dieselbe Voraussetzung gelten soll, die ich auch beim verDichten für eine der wichtigsten halte: die Verständlichkeit für alle, die über die einfachste Minimalbedingung dazu verfügen – sie müssen lesen (und natürlich auch ein bisschen denken) können. Dafür enthält es Aussagen, die allervermutlichst [s.o.] die Schmerzgrenze einiger LeserInnen erreichen. Aber auch das liegt in der Natur der Sache, und ich kann es nicht ändern, und ich begründe und beschreibe auch, warum das so ist. Aber ich mache keine Rückzieher, entschuldige mich nicht, bzw. nur ein bisschen.

    Das soll nicht heißen, dass ich völlig darauf verzichten werde, Wörter oder Wendungen zu benutzen, die nicht jedem geläufig sind. Sowas geht auch gar nicht, wenn das, was man sagen will, eine höchstmögliche Genauigkeit haben soll. Zudem bin ich der Ansicht, dass es wirklich Interessierten zumindest hin & wieder zuzumuten ist, einen Begriff nachzuschlagen oder – ganz modern – zu „googlen“. Das erweitert dann auch (fast) immer ein wenig den Horizont...

    nd noch ein Hinweis fürs Lesen: VERSEDICHTEN sollte nur langsam gelesen werden – auch wenn es wie ein Flickenteppich aussieht, bei dem die Stücke willkürlich aneinander zu hängen scheinen. Ab&an mal "Seitensprünge" zu wagen ist natürlich „erlaubt“, aber dann muss zurückgekehrt werden, weil jeder Flicken für alle anderen wichtig ist oder sein kann, so wie in einem Gedicht die erste Zeile mit der letzten korrespondieren kann und beide mit drei oder vier weiteren irgendwo in der Mitte. Gebunde Sprache eben. Natürlich kann auch parallel gelesen werden, aber das hängt von der jeweiligen Gedächtnisleistung ab. Und für unterhaltsame Unterbrechungen ist durch die vielen Randnotizen (PopUps), Tagebuch-Schnipsel und die eingestreuten Verlinkungen in alle "Himmelsrichtungen" ohnehin gesorgt.

    Vielleicht noch eine Anmerkung dazu, warum VERSEDICHTEN so komplex strukturiert ist: Es bildet dadurch ein wenig die Situation in meinem Kopf ab, wo auch alles simultan geordnet durcheinander wuselt – vor allem beim verDichten.

    Und damit sind wir schon mittendrin, im Thema und in meinem Kopf – und wer weiß, wo noch überall...

  • 1 2 3 4 5 6 [>>]


    [ © 1953 - 2033, Reinhard J. Lenz-Stiewert, All rights reserved. ]
    Impressum