Fratz, der Wetterfrosch
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Kleinkunst zum Kleinklima - oder Froschlaich zum Dessert

Der arme Poet - mal zu-, mal auf-, mal umgedreht

s gehört zu den landläufigen Vorstellungen, dass der Dichter ein seltsamer Sonderling ist, der einsam in seiner Stube oder auf einer Waldlichtung hockt - möglichst abends in der Dämmerung im Regen - und mit trübseliger, von innerem Leid gefurchter Miene um Wörter ringt. Dazu beigetragen haben vielleicht in nicht unerheblichem Maße Darstellungen wie das Gemälde "Der arme Poet" von Carl Spitzweg oder auch "Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter" von Wilhelm Busch, durch die vermittelt wird, dass so ein Schreiber am Rande des Existenzminimums dahinvegetiert, den lichten und warmen Seiten des Lebens entrückt, ganz seiner Berufung folgend bis zu einem - wenn denn erforderlich auch bitteren - Ende. Busch im "Bählamm":

"Im Durchschnitt ist man kummervoll / Und weiß nicht, was man machen soll."

Aber diese Darstellungen zeigen nur die "halbe Wahrheit". Die Kehrseite dieser "Medaille" wird zwar nur selten in "wissenschaftlichen Aufsätzen" beschrieben, vielleicht, weil befürchtet wird, dass sonst die Ernsthaftigkeit des dichterischen Schaffens in Misskredit geraten könnte, aber es gibt sie natürlich. Dichten - und gerade verDichten - kann Spaß machen, mitunter sogar einen Heidenspaß - vor allem, wenn die Produkte für eine oder mehrere Wiederverwertungen taugen. Ob Wilhelm Busch (s.o.) oder Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern, Robert Gernhardt oder zum Teil auch Erich Kästner oder Ernst Jandl, ihnen allen - und sie sind hier nur als bekannteste Beispiele aufgeführt - war das dichterische Schaffen nicht nur Müh- und Trübsal, sondern eine Profession voller Witz, (oft bösem) Humor und vor allem voller Freude am Formulieren.

Als ich mich - vor vielen Jahren und von meiner Mutter genötigt, die das Beste für ihre Kinder wollte - einmal in der Woche zum Klavierunterricht schleppte, lernte ich sie kennen - die Fingerübungen, dazu gedacht, die ungelenken Greiforgane geschmeidiger zu machen und im besten Fall sogar eine Art Körpergedächtnis zu trainieren, damit der Türkische Marsch irgendwann wie von selbst und vor allem mit dem ganz eigenen Timbre des Spielers erklingen konnte.

Viel später - als "Lokalchef" einer kleinen (und seriös-biederen) hessischen Tageszeitung - begannen meine Fingerübungen im verDichten - als "Fips, der Wetterfrosch", der jeden Tag Blitz&Donner, Sonne&Wolken und Schnee&Regen in Verse fasste. Mit dem Ausscheiden aus der Redaktion endeten diese Übungen, auch wenn dieser Knallfrosch etliche Jahre später als "Fratz" zu einem leider recht kurzen ComeBack wieder auftauchte, diesmal in Berlin auf den Internetseiten eines Berliner Providers, der es mit dem Markennamen snafu zu einer beachtlichen Bekanntschaft schaffte. Das ging unter anderem auch deshalb recht gut, weil sich manches "aufbacken" ließ, was sich viele Jahre zuvor bei der Zeitung angesammelt hatte; Wolken, Luft & Winde und Frost&Hitze sorgen schließlich jedes Jahr für ziemlich ähnliche Ereignisse.

Bei dieser zweiten Runde waren es dann schon nicht mehr nur Fingerübungen, sondern eher das Konditionstraining einer lyrischen Leidenschaft, die es einfach nochmal wissen wollte, ob und wie sich innerhalb nur weniger Stunden unterhaltsame Verse zimmern lassen. Denn viel Zeit gab's weder im Print- noch im Online-Geschäft, das Wetter wollte täglich mit seinen Kapriolen in wenigen, aber natürlich passenden Versen "besungen" werden. Damals machte ich auch die Bekanntschaft mit ganz anderen Zwängen der VerDichtung: die feste Größe (bei der Zeitung immer in etwa die gleiche Zeilenzahl) und das gnadenlose Fertig-Werden-Müssen (bei beiden Medien), hatten einen durchaus nennenswerten Anteil an diesem autodidaktischen Ausbildungsgang, der in seiner Online-Variation noch den Umgang mit Hyperlinks, JavaScript-Einlagen und anderen digitalen Möglichkeiten anzubieten hatte.

In den Anfängen war es für mich auch eine schöne Möglichkeit, mit der Sprache jenseits des sachlich berichtenden Zeitungsstils zu spielen, zu experimentieren und gewissermaßen vom Elfenbeinturm der Poesie geschützt auch Inhalte "ins Blatt zu rücken", die sonst niemals den Weg durch die Zensur (Verleger und Chefredaktion) gefunden hätten. Mein "Wetterfrosch" sorgte immer wieder für "böses Blut", aber die Kritik blieb unterschwellig und eher indirekt ("Ihr "Fips" wird auch immer hintergründiger, mit dem Wetter hatte das heute jedenfalls nicht viel zu tun."). Die Beliebtheit bei den Lesern und die Ausrede, dass dieser Frosch doch als Zeitungs-Lurch auch immer mit der "gesellschaftspolitischen Großwetterlage" umspringen müsse, rettete sein Erscheinen jedoch immer wieder - und es gab ihn, wenn auch deutlich "entpolitisiert", bis in die zweite Hälfte des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends - allerdings nicht mehr von mir, sondern von neuen Reimern. Der "digitale" Nachfahre ist inzwischen auch von der Bild(schirm)fläche verschwunden.

Anzumerken ist hier noch, dass "Fips" & "Fratz" zeitweise so wirklich für mich wurden, dass sie mir halfen, mich zu verwandeln, fast eine andere Identität anzunehmen, wenn ich mit ihnen beschäftigt war, ein Ganz-Anderer sein zu können, ein Außenstehender, für den die "Frosch-Perspektive" immer wieder Alternative war, wenn der Anblick des Lebens dazu verleitete, die Augen einfach zu schließen - und sei es für immer. Mit diesen Amphibien hat meine Lust am Fabrizieren von Lyrik zwar nicht begonnen, aber doch zum ersten Mal Fahrt aufgenommen, und ich setze ihnen mit diesen Seiten einerseits ein Denkmal, andererseits ist dieser Teil von VERSEDICHTEN zur Entspannung und zum Amüsement gedacht. Es ist eine - na, sagen wir, ambivalente Auswahl, bei der auch einige Wetterfrösche mitquaken dürfen, von deren Qualität ich weniger überzeugt bin, die aber wegen eines kleinen Untertons oder einer kleinen Sprachbesonderheit Gnade vor meinen nun schärferen Augen gefunden haben. Der eine oder andere Vers wurde nur gelinde nachgeschliffen und auch nur da, wo die Ursprungsfassung dem heutigen Blick gar zu unerträglich schien.

Achja, es ist recht wahrscheinlich, dass einer der Wetterfrösche passend zum aktuellen örtlichen Kleinklima gequakt hat, wenn Sie gerade dabei sind, einen von ihnen (oder eine Auswahl) Ihrer Großmutter vorzulesen. Das sollte Sie nicht zu der Meinung verführen, es handele sich um "zeitlose Werke". "Deutsche" Frösche - Gattung: Wasserfrösche (Pelophylax) zu denen auch ich (Ooops! Ich meine natürlich "Fips" oder "Fratz") gehöre - haben ein eher kurzes, aber glückliches Leben von zwei bis drei Jahren, die hässlichen Erdkröten werden dagegen mit 20 und oft sogar 30 Jahren bestraft.

Inzwischen (also ungefähr dreißig Jahre nach Fipsens - oder Fratzens - Einstand) macht sich auch ein Kollege des "Spiegel" mehr oder minder regelmäßig seinen Reim auf eine Welt, in der es an Ungereimtem vieles gibt - man denke zum Beispiel nur an die Rekordsummen, die mittlerweile für manchen der Balltreter hingeblättert werden. Unter dem sehr schönen Titel "Dichter am Ball" verDichtet Thomas Gsella die Ereignisse auf dem oder rund um den Fußballplatz - und er macht es sehr anständig, hübsche und originelle Verse für eine eigentlich profane Sache.
Unter dieser Adresse lässt sich der "Eulenspiegel" des Spiegel selbst sehen - etliche seiner lyrischen Bundesliga-Betrachtungen sind dort auch aufgelistet:

Und nun bitte die Augen gespitzt! Es folgen "The Greatest Hits of Fratz & Fips"... Uuhuhh! Ein unsauberer Reim. Naja, ausnahmsweise...


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