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Entschuldigung einer Entschuldigung

ine der früh gelernten Regeln beim Schreiben eines Briefes lautet, dass man nicht mit „Ich ...“ und nicht mit einer Entschuldigung beginnt; das gilt (glaube ich) auch für eine Ansprache; für ein Buch mag es vielleicht noch wichtiger sein – und deshalb ist es mir ein Vergnügen (aber auch ein Bedürfnis), gegen diese Regel zu verstoßen. Sie hat mir schon als ich sie kennenlernte nicht eingeleuchtet. Warum sollte man nicht damit beginnen, sich für etwas zu entschuldigen, wenn es dafür einen guten Grund gibt und der Sachverhalt vielleicht sogar ausgesprochen wichtig ist? Und selbst, wenn es begründet wäre – dies hier ist nur einer der Buchanfänge; die anderen sind regelkonform.

Dieses Buch hat einen Titel und – wenn man es so nennen möchte – einige Zusatz-Überschriften, deren eine jetzt wichtig ist:

„...von einem, der auszog, das Schrei(b)en zu lernen“

In dieser Zeile wird auf mehrere Aspekte hingewiesen, von denen ich jetzt einen auswähle, der in diesem Buch eine große Rolle spielt:

Hier geht es "laut" zu, stellenweise sehr laut – und wie ich hoffe, sogar so laut, dass die Leserinnen in dem Krach, den bestimmte Worte, Verse oder ganze verDichtungen erzeugen, ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen. Und ich meine vom Doppelsinn dieses Verstehens nicht die akustische Wahrnehmung, weil Lesen nicht Vorlesen ist, sondern den Teil, mit dem das „Begreifen“ gemeint ist, das die Tätigkeit eines Verstandes voraussetzt.

Töne sind sonderbare Erscheinungen; die Welt ist voll davon. Es gibt sie als Geräusch, als Geschrei, als Gesang, als Geklingel, als Geläute. Es gibt ganz leise und ganz laute, helle und dunkele, offene und gepresste - und vielerlei mehr. Das Wort "Ton" - und viele seiner Verwandten - begegnet uns in Redewendungen und Sprichwörtern; einige seien hier beispielhaft erwähnt:

Der gute Ton...
Der Ton macht die Musik...
Herab- oder gut gestimmt sein...
Im EinKLANG sein...
Haste Töne...?
Sogar die Stille kann "klingen".

ier wird - nicht immer, aber immer wieder - geschrie(be)n, ich schrei(b)e, ich schrei(b)e an – und ich tue das an vielen Stellen, ohne dass immer genau differenziert oder beschrieben wird, für wen dieses Schrei(b)en gedacht ist, wen genau ich anschrei(b)e und mitunter auch, warum oder für welche (und wessen) „Verfehlung“ ich anschrei(b)e oder auch aufschrei(b)e. Das ist m.eine Version der oft beschworenen und nicht minder häufig arg missbrauchten „dichterischen Freiheit“, deren oft ausgenutzte Fadenscheinigkeit jedoch zu den Dingen gehört, die mich kolossal ärgern, die ich jedoch nicht ändern kann – zumindest nicht an oder in den Texten, bei dem die vielen „verhinderten“ DichterInnen gedacht haben, diese Freiheit sei dasselbe wie Beliebigkeit. Dazu Ausführliches in meiner "Lyrikologie" (unvollständig & noch unerreichbar).

Wegen dieser Schrei(b)erei (nicht nur in Versen) steht gleich zu Beginn diese Entschuldigung, die sich an all jene Menschen richtet, in deren Gegenwart ich mich halbwegs wohlfühle(n würde), Menschen, die bei ihren Äußerungen darauf achten, erstens kein Gewäsch abzusondern und die – zweitens – bemüht sind, die gebotene Vorsicht bei Behauptungen über alle vorstellbaren Wirklichkeiten walten zu lassen. Es sind Menschen, die weder den unangenehmen Geruch des Selbstmitleides verströmen, noch den ätzenden Gestank des Selbstlobes – kurz, es handelt sich um Personen, die ich mir als "ideale" LeserInnen wünsche, weil sie im Gegensatz zu den Milliarden Mistkerlen und Arschkühen noch auf so etwas wie Ernsthaftigkeit und Redlichkeit Wert legen.

Und bei ihnen möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich oft alle und alles über einen Kamm schere, besonders, wenn ich es immer mal wieder an ätzender Kritik – vor allem in meinen Versen – nicht fehlen lasse. Euch sei schlicht versichert:
Ihr seid nicht gemeint, ihr gehört zu diesen Ausnahmen (ja, Ausnahmen – selbst, wenn es von euch 75 Millionen geben sollte, wäre dies bei 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Erde nur einer von Hundert), von denen ich natürlich auch weiß. Ob jemand zu diesen 75 Millionen KlarDenkerinnen gehört, unterliegt aber einer entscheidenden Voraussetzung: Jede.r muss selbst – zumindest einigermaßen – sicher sein, dass si.er eine solche Ausnahme ist. Ob es so ist, wird beim Weiterlesen jedoch allen sicher schnell klarwerden.

Und außerdem gilt für mich und diese Publikation das hübsche Bonmot von Heinrich Heine als Prinzip:

„Wenn ich von Pöbel spreche, nehme ich davon aus: erstens alle, die im Adreßbuch stehen, und zweitens alle, die nicht drin stehen.“*

Ansonsten gilt für dieses "Buch", dass sich jede.r selbst fragen möge, warum si.er etwas als beleidigend oder herabsetzend empfindet, ob es vielleicht einfach doch nur (zu)trifft. Wer sich getroffen fühlt, sollte deshalb eine Lesepause machen und darüber nachdenken, warum es empört, denn gerade das ist ja auch eines der Anliegen dieser Schrift: Ich wünsche mir, dass sie verändert, Bewusstsein erweitert, sensibilisiert. Und das geht oft nicht, ohne Scheiße auch Scheiße zu nennen und nicht nur verharmlosend die Nerven spießiger Sonntagsschul-Lehrer oder moralisch immer gern vorbildlicher Großmütter schonend von „Stuhl“, „Kacka“ oder „Häufchen“ zu reden. Auch dazu an anderer Stelle Ausführlicheres (unvollständig & noch unerreichbar).

ieses Buch ist ein Gesamtkunstwerk - eines, das aus vielen kleinen Kunstwerken besteht, die sich - jedes für sich - betrachten und genießen lassen, die aber auch als Bestandteile des Gesamten ihre Rollen spielen, ohne die sich Zusammenhänge nicht erschließen würden. Und es ist insofern selbst ein Stück verDichtete Wirklichkeit, weil auch die prosaischen Passagen, die erklärenden und kommentierenden Teile, ihre eigene Sprache und eine dem jeweiligen Gegenstand entsprechende Struktur haben.

Á propos "verDichtete Wirklichkeit". Wer die Wirklichkeit verDichten will, muss sie zunächst einmal ganz & gar wahrgenommen haben, muss wissen, wie genau sie beschaffen ist. Und das bedeutet - wie bereits vorhin erwähnt -, dass darüber nachgedacht werden muss. Und es muss nicht nur darüber nachgedacht werden, wie diese Wirklichkeit, diese Welt, in der wir leben und deren Bestandteile wir sind, beschaffen ist, sondern es muss auch darüber nachgedacht werden, wie dieses Nachdenken beschaffen sein sollte, beschaffen sein muss, damit die Ergebnisse stimmen.

Wer sich also durch Wörter, Formulierungen oder Schilderungen in diesem Buch schmerzhaft getroffen fühlt, dem sei gesagt, dass genau dies meine Absicht ist, denn wenn etwas wehtut, dann hat es „gesessen“ wie der Volksmund sagt, dann „trifft es“ – und wahrscheinlich – wie erwähnt – oftmals sogar „zu“. Und für Wahrheiten entschuldige ich mich nicht. Wer damit Probleme hat, sollte diesen Site entweder schleunigst wieder verlassen oder (meine Empfehlung für einen mutigeren oder reiferen Umgang) immer wieder lesen.




* Heinrich Heine, Sämtliche Werke, Aphorismen Gedanken und Einfälle, IV. Individualität. Staat und Gesellschaft

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