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Abnutzungen


ft, wenn ich meine Verse einmal alle oder zumindest viele von ihnen hintereinanderweg anschaue oder noch einmal genauer lese, denke ich angesichts dieser Zusammenrottung, dass die einzelne verDichtung in der Masse an Sichtbarkeit verliert. Auch der Eindruck, den jeder dieser Texte für sich allein macht (wie ich immer noch hoffe), (ver)schwindet teilweise. Ich fange an, sie regelrecht herunterzuleiern, ohne Betonung, ohne nachdenkliches Stutzen. Ein Grund ist sicher, dass ich sie alle schon so oft gelesen habe, sie zu gut kenne, aber das ist nicht alles, ist nicht des Pudels Kern, der zudem noch der Kernspaltung anheimgefallen ist, so dass es mehr als einen gibt.

Es ist wohl so ähnlich wie bei einer Langspielplatte oder Musik-CD (oder wie immer sich derartige Tonträger inzwischen auch noch nennen mögen). Ein (manchmal auch zwei oder drei) Stücke schließt man schon beim ersten Anhören ins Herz, die anderen acht oder zehn Titel fallen oft deutlich in der Hörergunst ab. Und bei diesem Vergleich denke ich auch daran, dass es einer dieser „medialen“ Unterschiede zwischen Musik und Lyrik ist (auch auf viele andere sprachlichen Formen trifft dies zu), dass es für verDichtungen keine Charts gibt, demzufolge auch keinen Nummer-1-Hit, der wochenlang die Liste anführt.

Selbst wenn man ganz unterschiedliche verDichtungen alltäglich in den Zeitungen abdrucken würde, käme ein solches „Geschmacks-Ranking“ oder eine „Liebhaber-Rangliste“ nicht zustande, weil durch den Abdruck jede verDichtung in den endgültigen Besitz der Leserinnen übergehen würde, die die Zeitung gekauft haben, also immer wieder gelesen werden könnten (oder auch nicht), ohne dass eine Mess-Methode einsetzbar wäre.

Ganz anders als bei dem „flüchtigen“ Erscheinen einer im Radio oder Fernsehn gesendeten Musik, deren erneute Rezeption auf den Zufall oder vielleicht die Wünsche der Rundfunk-Hörerinnen angewiesen ist, müsste bei dem Abdrucken von verDichtungen eine gesondert auszurufende Meinungs-Umfrage eingeleitet werden, um die jeweiligen Publikumslieblinge aufzuspüren. Zahlen über die Auflagen von Gedichtbänden helfen hier auch nicht wirklich weiter, weil sie nur die Gesamtheit der in solchen Bänden vorhandenen Texte erfassen können, nicht aber ein einzelnes Werk.

Eine nicht zu unterschätzende Ähnlichkeit gibt es zwischen Musikstücken und verDichtungen, was den Überdruss betrifft. Nach dem 22. Anhören von „Michelle“ (Beatles) oder „Almost Cut My Hair“ (Crosby, Stills, Nash & Young) oder auch „Air“ (Bach, Orchestersuite D-Dur, BWV 1068) wird alles flach, die gespannte Erwartung auf bestimmte Stellen lässt spürbar nach, die Aufmerksamkeit insgesamt ebenso. Natürlich gilt das ebenso für alle anderen musikalischen Kurz- oder Kleinwerke, die in erster Linie der Unterhaltungsmusik angehören.

Nicht viel anders steht es um verDichtungen; auch hier sind immer wieder derartige Aufmerksamkeitsverluste festzustellen, wenn die Verse zum x-ten Mal gelesen oder sogar auswendig gelernt wurden. Das ist so, obwohl es natürlich vorkommt, dass Kunstwerke aus beiden Ausdruckswelten auch ihre alte Frische wiedererlangen – sei es durch neue Erlebnisse oder Erfahrungen oder einfach dadurch, dass seit dem letzten Lesen oder Hören eine längere Zeit verstrichen ist.

Was mir bei alledem wichtig ist, ist die Aufmerksamkeit meiner Leserschaft, die ich durch diese Tagebuch-Anmerkung für jedes einzelne Exemplar dieser Lyriksammlung zu gewährleisten versuche. Insofern ist diese Notiz auch als Warnung davor zu verstehen, möglicherweise aufkeimende Unlust oder Langeweile beim Lesen mit einem verbindlichen Urteil zu verwechseln.

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