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Ein alter Meister bleibt aktuell


ese gerade (mal wieder) Kurt Tucholsky, seine Kolumnen als Peter Panter und Theobald Tiger oder auch unter seinem NormalNamen in der „Weltbühne“ oder der „Berliner Volkszeitung“ – und bin entzückt und erschüttert: So kann heute niemand mehr schreiben, der noch bei Verstand ist.
Da brodelt es in jedem Satz vor Spott und Bosheit, aber auch voller Hoffnung, und es zischt vor beißender Kritik, und die Ironie trieft aus allen Zeilen, dass man sich immer wieder vergnügt die Hände reiben muss …, aber das würde heute niemanden mehr beeindrucken. Vielleicht noch ein paar intellektuell Halbwache, die noch nicht mitbekommen haben, welcher Wind hierzulande und heutzutage weht. Die große Mehrheit freut sich nur noch kindisch, wenn die linientreuen Spaßmacherinnen im Fernsehn oder in Fußballstadien auftreten, die „Comedians“, wie sie sich heute nennen, die sich für Satirikerinnen halten, wenn sie vor zahlendem Publikum weichgespült über die ohnehin lächerlichen Politikerinnen spotten. Ihre Zuhörerinnen klatschen oder kreischen bei jedem noch so billigen Gag, lachen über jede aufgesetzt komische Grimasse, verlassen nach der „Show“ den Saal und gehen saufen – so wie mancherorts nach dem Kirchgang. Was sollte da auch „hängenbleiben“; die geistige Tiefe dieser Spottfiguren reicht allenfalls bis zu dem Körperteil oberhalb vom Knie, bis zum Kopf steigt’s nie.

Und mit „billig“ meine ich beide Wortbedeutungen, weil diese Gags so harmlos sind, dass sie von allen „gebilligt“ werden können und nichts kosten, den Kopf des Clowns aber ganz sicher nicht.
Und ich frage mich, was heute die Leute aufrütteln könnte. Selbst der schärfste Spott perlt inzwischen an den vielen ausgekochten Drecksäcken ab, wie das Wasser an den Teflonpfannen und an den gleichgültigen Dumpfbacken natürlich erst recht, weil deren Borniertheit und Gewissenlosigkeit niemals das Ziel dieser biederen und selbstgerechten Witzemacher ist.

Immerhin hatte ich bei der Lektüre das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben: Fast alles, was „Tucho“ damals – vor inzwischen fast 100 Jahren – geschrieben hat, passt 1:1 auf die heutigen Verhältnisse – zum Beispiel
„…man schöpft und schafft aus dem Nichts, man erfindet Wahrheiten“…
„Die Weltgeschichte fix und fertig für den Gebrauch von Schwachsinnigen.“ *

„fake news“ nennt sich das heute. Da sage noch einer, die Geschichte wiederhole sich nicht – sie wiederholt sich nicht nur einmal, sondern ständig. Leute wie Donald Trump oder dieser türkische Menschenaffe ** sind die besten Garanten dafür, dass die Dummheit nicht rigoros bekämpft wird. Und so lange die Dummheit munter weiterlebt, wiederholt sich die Geschichte – so einfach ist das.

Satirische verDichtungen wären nochmal einen Versuch wert, aber die müssten dann so böse werden, dass man sie eigentlich nicht veröffentlichen kann, ohne mit den Gesetzeshütern nähere Bekanntschaft zu machen.

Mein altes Ziel: verboten werden; tja, da möchte, will, da muss ich hin. Dass nebenan „ein alter mann“ [8] einen solchen Versuch eher kritisch sieht, nehme ich erstmal hin – Konsequenz führt zum Faschismus…




* Kurt Tucholsky: Ausgewählte Werke und Schriften, Der neue Zeitungsstil (1924), eClassica, German Edition, Kindle-Positionen7815-7816, 7831-7832.
** Böse Zungen behaupten, damit sei der Präsident gemeint, aber das kann nicht sein, weil ich dann den ersten Teil des zusammengesetzten Substantivs weggelassen hätte.

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